Plakataktion




Ostern

Aufbruch

War es ein Einbruch oder doch ein Aufbruch? Das offene Grab am dritten Tag nach der Kreuzigung, dem Tod und der Grablegung Jesu warf zunächst Zweifel auf. Die Wachen konnten sich nicht erklären, was geschehen war. Die Frauen, die am Morgen kamen, um den Leichnam Jesu zu salben, wie es Tradition war, fanden das Grab leer.

Was war geschehen? Wie konnte es geschehen?

Erklärungen wurden gesucht, aber nicht gefunden – Ratlosigkeit, Enttäuschung, Entsetzen. So begann der erste Ostermorgen: Mit Fragen, Zweifeln und einer aus Hilflosigkeit entstandenen Absperrung gegen das, was allein Gottes Liebe zu den Menschen bewirkte. Zuerst sollte alles aufgeklärt werden!

Waren es Engel – «zwei Männer in glänzenden Kleidern» (Lukas 14,4) -, die alles Ungewisse vertreiben sollten? Ihre Worte «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden» nahmen die Frauen zunächst ratlos auf. Wie war das gemeint? Wie konnte das sein? Und wie könnte das denn konkret aussehen?

Erst durch die Begegnung mit dem Auferstandenen fassten die einst Enttäuschten wieder Vertrauen, fanden ihren Lebensmut und sagten die Botschaft des Lebens allen weiter.

Fragen zum Ostermorgen, dem leeren Grab und der Auferstehung werden auch heute gestellt: War Jesus damals nur scheintot? Ist die Botschaft der Auferstehung deswegen nur «Fake»? Oder ist sie vielleicht doch etwas, was mich ganz persönlich und heute betrifft, betreffen kann und soll?

Jeder Tod, jeder Abschied verursacht Schmerz und Trauer. Er wirft Fragen auf nach dem «warum?» und nach dem «was kommt dann?». Manche verstricken sich in vielen unbeantwortbaren Fragen und fühlen sich gefangen in ihnen. Abgeschirmt vom Leben fristen sie ihr Dasein, abgesperrt vom Draussen geht das Leben an ihnen vorbei.

Hinter manchem aufgespannten Absperrband ist jedoch schon volles Leben entstanden, das bald hinausdrängt und Fröhlichkeit, Leichtigkeit, Gelassenheit und Zuversicht verströmt.

In den letzten Tagen und Wochen wurden durch die Verbreitung des Coronavirus Menschen weltweit mit ganz neuen (und eigentlich uralten) Fragen konfrontiert: Was ist mir eigentlich wichtig im Leben, worauf kann ich verzichten? Was bedeutet mir (meine) «Freiheit»? Wie weit darf sie gehen?

Die eigene Freiheit endet da, wo die Freiheit der Mitmenschen beginnt. Das Bewusstsein, in Gemeinschaft(en) zu leben, ist auf besondere Weise durch die Pandemie wieder in die Köpfe der Menschen gerückt. Das «sich still halten», der Rückzug in die eigenen vier Wände und allein zu sein mit sich – und vielleicht mit Gott – hat unser Denken und unsere Wahrnehmung erneuert, wird unser Denken und unsere Wahrnehmung auch nachhaltig prägen.

Der Rückzug in die Grabkammern und dunklen Höhlen unserer Zeit wird nicht nur drei Tage dauern, wie es vor 2000 Jahren war. Doch sicher kommt nach dem globalen, monatelangen Rückzug und den vielen Absagen gemeinschaftlicher Anlässe die globale Auferstehung: In wahres Leben hinein.

Jede und jede wird ihre und seine eigenen Erfahrungen in der Zeit des Coronavirus machen – und viele der Erfahrungen werden schmerzhaft sein. Doch ich glaube, dass es uns Menschen guttut, die Katastrophe von der Auferstehung und vom Leben her zu betrachten – und sich, wenn alles überstanden ist, dann auch in das Leben hineinnehmen zu lassen, das sich sicher ganz anders anfühlt als vorher…

Neugierige, ins Leben aufbrechende Ostertage wünscht

Pfarrerin Dorothea Neubert, Aetingen-Mühledorf