Plakataktion: Ferienzeit


   

GEH AUS, MEIN HERZ, UND SUCHE FREUD

 

Der Sommer hat es nicht leicht mit uns. Wir ersehnen ihn und freuen uns über diesen Höhepunkt des Jahres, weil wir die Wärme, die heilsame Strahlung der Sonne, die Fülle des Lichts nötig haben. Wir stöhnen aber auch unter der Hitze und wir klagen, wenn es zu viel regnet. Wir leiden, wenn die Sonne alles versengt und austrocknet, oder wenn unaufhörlicher Regen zu Überschwemmungen und Katastrophen führt.

 

"Geh aus, mein Herz, und suche Freud" - dieses Lied Paul Gerhardts blättert vor uns ein buntes Bilderbuch des Sommers in all seinen Facetten auf: Pflanzen und Tiere, Himmel und Erde, der Mensch und die ganze Schöpfung werden vor Augen gemalt. Alles Irdische ist dazu da, Lust auf etwas noch Größeres und Schöneres zu machen.

 

Viele gehen im Sommer hinaus in die Natur, um zu wandern, sich zu erholen, ja auch, um Gott zu suchen. Sie freuen sich an der blühenden Welt, die neuen Lebensgeist weckt.

 

Viele gehen aber nicht ohne weiteres heraus aus ihren Häusern, ihrer Welt, sie schließen sich lieber ein, um nichts zu sehen, zu hören, zu fühlen, weil ihnen nicht danach zumute ist, sie Angst haben oder enttäuscht sind.

 

Paul Gerhardt hat unser Lied für sich und seine Frau geschrieben, als sie eines ihrer Kinder verloren hatten. Seine Frau sollte sich in ihrer Trauer an diesem Lied wieder aufrichten. Außerdem waren gerade 30 lange Jahre Krieg über das Land gegangen und hatten Städte, Felder und Wälder zerstört. Wenn man das weiß, liest man die ersten Zeilen anders: Geh aus dir heraus, mein Herz, bleib nicht in deinem Kummer verschlossen. Geh aus dir heraus, mein Herz, verbittere dich nicht in deinem Protest über die zerstörte Natur. Suche Freude, sie kommt nicht von alleine. Geh aus dir heraus, um Freude und dich selbst zu finden. Du findest alles, indem du es ansiehst, als hätte Gott es dir, für dich gegeben und bereitet. Lass dir helfen von der "lieben Sommerzeit", von der Sehnsucht nach dem heilsamen Wärmeschauer der Sonne, nach den Zeichen, dass die Welt lebt, ja, dass du selbst lebst.

 

Das Lied nimmt nach der Hälfte der Strophen eine merkwürdige Wendung. Aus dem freudig bewegten "Geh aus", "schau hin", "sieh" werden Ausrufe wie: "Ach", "Welch", "Oh", "Doch". Wie in einer Sinfonie tritt zum Thema in strahlendem Dur das Kontrastthema in Moll. Es ist nötig, damit die Musik gelingt, es ist realistisch, weil sonst das Leben unvollständig, weil sonst das Schöne nur Lüge wäre.

 

Das Lied bleibt mit beiden Beinen auf der Erde, es hebt nicht schwärmerisch ab in den Himmel der Träume, sondern spannt sich aus zwischen Sehnen und Hoffen, zwischen Traum und Abbild des Erträumten hier auf der Erde.

 

Der Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt hat beide Seiten des Lebens erlebt. In voller Härte erlebt er den Dreißigjährigen Krieg. Er gehört zu den unzähligen Menschen, denen ein Krieg die Jugend genommen hat. In kurzer Zeit verliert er vier Kinder und durch seine Streitsüchtigkeit seine Pfarrstelle. Ja, er war ein schwieriger Mensch und dennoch von so zärtlicher poetischer Kraft. ­Hoffnungsschimmer auch für so manchen Menschen unter uns, der mit den extremen Seiten seines Lebens nicht zurechtkommt.

 

Paul Gerhard steht mit beiden Beinen auf der Erde und hat das tiefe und feste Vertrauen, sich in allem, was ihm und mit ihm geschieht, bei Gott verankern zu können. Das gibt ihm Halt.

Vielleicht ist unser Sommer eine Gelegenheit, diesen Halt bei Gott zu finden?

Ich wünsche Ihnen eine gute und findende Sommerferienzeit!

 

  

Dorothea Neubert, Pfarrerin